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Ein Anfang

Am Anfang wird ein Wind über dem weiten Land entfacht. Er ist nur ein Wind unter Winden in einer Zeit voller Stürme. Er fegt heiß über zerschrundene Felsen, wirbelt Asche und Schlacke über einer zernarbten Landschaft auf. Die Welt brennt. Sie ist im Aufruhr. Im Umbruch. Gewaltige Gesteinsmassen schieben sich unerbittlich gegeneinander, falten einander donnernd zu schroffen Graten auf, zerreißen zu tiefen Spalten, lassen geschmolzenes Gestein und übelriechende Gase entweichen. Nachtschwarze, blutrote und schwefelgelbe Wolkenschichten türmen sich himmelhoch auf, stürzen zusammen, entlassen giftige Regengüsse über ein mit eiternden Wunden übersätes Land. Die Welt dreht ihr Innerstes nach außen. Flüsse werden aus ihrem Bett gedrängt, ihre Wassermassen suchen sich donnernd einen neuen Weg bergab, die Küste ganzer Meeresarme wandelt sich ständig, gigantische Flutwellen branden gegen die Felsen und zerschmettern mit gewaltiger Wucht alles was weich und schwach ist. Auf einer riesigen Fläche hebt sich der Boden des Meeres empor, das Wasser flieht und saugt mit sich, was sich nicht am Meeresboden halten kann. Felsbrocken regnen in den frisch ans Licht gekommenen Schlick und lassen schlammige Fontänen aufspritzen. Woanders versinkt Land im Meer, Felsspalten tun sich auf und gewaltige Fluten ergießen sich dröhnend in die finsteren Tiefen, ertränken brodelnd die glühenden Lavamassen weit unten und nähren gewaltige weiße Wolkentürme, die in luftiger Höhe von den peitschenden Winden zerfetzt und zerstreut werden.

Wo ist das Leben? Pflanzen versinken im Boden, Wälder brennen, Flammen werden vom Wind weit getragen und pflanzen sich fort. Entwurzelt von der Wucht einer gewaltigen Strömung treiben Bäume in unüberschaubaren Massen in sich wild überschlagenden Wirbeln aus schlammiger Brühe. Gekochte Fische stranden zu Hauf in den Buchten, leer starrend mit herausgetretenen Augen. Vögel werden von der Wucht der Stürme zerrissen, an Steilhänge geschmettert, von heißen Winden im Fluge gebraten. Große Herden fliehen über das sich übergebende Land; Flucht vor dem flammenden Inferno hinter ihnen direkt in die zerstörerische Wut sich spaltender Erde vor ihnen. Einst stolze Städte voller Lichter versinken unter Tonnen von Fels, werden zwischen sich auffaltenden Gebirgen zerquetscht. Eine Decke aus Gestein zieht sich über ihnen zusammen und löscht jegliche Erinnerung an vergangene Zeiten aus. Niemand kann dieser Vernichtung entrinnen?

Da und dort trotzen störrische Grasbüschel den Winden, die an ihnen zerren, schlammige Regenfluten löschen wütende Waldbrände, tosende Wassermassen teilen sich vor Felsen, auf denen vereinzelte ängstliche Tiere apathisch kauern. Doch es ist das Ende für die meisten. Das Leben läßt sich nicht so einfach auslöschen, aber viele von ihnen werden wir nie wieder sehen.

Den Wind kümmert all dies nicht. Er nimmt nichts wahr, hat keine Gefühle, keine Empfindungen, stellt keine Fragen, wundert sich nicht. Nur wild und frei über die Welt fegen will er, ungehindert und bis in alle Ewigkeit. Eine ungeheure Macht wurde entfesselt, die nun die Welt vollkommen umkrempelt. Die Macht hat keinen Plan, nur verändern will sie, ungehindert und bis in alle Ewigkeit und der Wind ist ein winziger Teil davon. Doch langsam und unmerklich verebbt die Kraft, die Macht wird sich des irgendwann abzusehenden Endes ihrer Wandelbarkeit bewußt. Nahrung braucht sie, um ihre Kraft aufzufrischen, doch weiß sie nicht woher nehmen. Sie weiß nicht, was sie einst entfesselte. Sie kennt keine Gefühle, verspürt keine Angst um ihr Fortbestehen, keine Wut über ihre nachlassende Kraft, keine Trauer um das Ende ihrer Existenz. Sie wird einfach weiter verändern, denn das ist ihr Wesen. Das Ende ihrer Macht ist auch ein Wandel, nichts hält ewig an, das ist das Wesen des Wandels. Andere Mächte werden kommen und die Welt wandeln, wenige mit der großen Kraft dieser Macht, so viel ist gewiß, aber die Zeit dauert ewig und irgendwann wird wieder irgend etwas eine Macht ihres Ausmaßes nähren. Doch bis zum Ende ihrer großen Kraft wird diese Macht weiter die Welt verändern. Danach mag die Welt sich weiter wandeln, wenn auch weniger stark. Daß ist ihre Gewißheit, doch verspürt sie keine Erleichterung darüber, nein sie hat keine Empfindungen. Sie verändert die Welt und nichts anderes ist ihr eigen.

Der Wind, ein winziger kleiner Teil im Bewußtsein der großen Macht, überfliegt heißes dunstiges Land. Einen gewaltigen Berg, gleich einer steinernen Säule aus blauem Marmor, hat die Umwälzung der Welt hier errichtet, oder war dieses Massiv schon vorher da? Nichts scheint dem wolkengekrönten Gipfel dieses gewaltigen Pfeilers auf seinem gigantischen Fundament zusetzen zu können - eine allen Versuchen der Veränderung trotzende Bastion, an deren Wänden nun der Wind entlang tobt. Er ist nicht alleine: Horden von Blitzen züngeln aus den Wolken um den Gipfel, sie bilden goldene Wirbel und vermischen sich mit anderen Winden, die das Bollwerk des Felsens vergebens zu überwinden suchen. Etwas anderes ist hier als die Große Macht, von der der Wind ein kleiner Teil ist. Der Wind wird davon erfaßt, gerät in einen golden leuchtenden Wirbel und eine Wandlung umfaßt ihn: Er beginnt, die Welt wahrzunehmen, er sieht, was um ihn herum geschieht, bewundert die Schönheit der tanzenden Lichter, die immer mehr und mehr werden. Er verspürt Freude an seinem Tanz in den felsigen Höhen und er beginnt nachzudenken. Was wird sein, wenn seine Kraft aufgebraucht sein wird, wenn seine Geschwindigkeit versiegt, wenn er einmal abflaut und vergeht? Was wird bleiben? Nichts. Der Wind fühlt Trauer bei dieser Erkenntnis. Doch sind diese seine Gefühle? Nicht nur, er kann diese Empfindungen überall um sich herum spüren, im golden leuchtenden Wirbeltanz ist das Gefühl von Trauer vorherrschend. Trauer um das Ende der Existenz, um das spurlose Vergehen großer Kraft und ein Entschluß reift im goldenen Bewußtsein: Etwas soll geschaffen werden, das bleibt.

Der Wind verliert sich im goldenen Tanz, ebenso wie andere Winde und Wirbel und Blitze und Ströme aus Energie, ein großes Eines entsteht. Große Freude über das Zusammenfinden durchflutet das neue Bewußtsein und eine Erinnerung nimmt Gestalt an. Das Bewußtsein weiß nicht, woher diese Erinnerung stammt, es ist eine Gestalt die sich aus den Erinnerungen all jener Kräfte und Mächte zusammensetzt, aus denen das neue Bewußtsein entstand. So ist es keine wirkliche Erinnerung, sondern ein zusammengesetztes Wunschbild, bestehend aus vielen Bildfragmenten, Wünschen und Hoffnungen einzelner Gedanken und Erinnerungen, das sich hier formt. Ja, das Bild formt sich mehr und mehr, es bekommt Substanz, schält sich aus goldenen Lichtschwaden heraus: Eine filigrane Gestalt, leuchtend und durchscheinend, zart und zerbrechlich. Hier bilden sich Körperteile, der Lichtschein läßt etwas nach, dort ein Kopf, Gliedmaßen wie ein Nebelhauch zuerst, aber immer fester werdend. Ein Körper erstrahlt in reinem Weiß, aus dem Kopf sprießen Haare, weich und zart, durchscheinend wie feine gläserne Strähnen, im Kopf tun sich Öffnungen auf - zwei golden leuchtende Augen öffnen sich und beginnen die Welt wahrzunehmen. Der Körper bewegt sich, unendlich langsam regen sich sechs zarte feingliedrige Finger an einer Hand, die Hand schließt und öffnet sich, dreht sich, ein Arm bewegt sich, die Hand fühlt einen Körper, streicht einen Rumpf hinauf bis zum Hals, zum Kinn, wird von goldenen Augen betrachtet, ein Kopf dreht sich, Augen sehen einen alabasternen Körper mehr und mehr Gestalt annehmen. Sanft umspielt von goldenen tanzenden Lichtern fühlt der Körper festen Grund unter sich. Die Augen blicken nach oben und sehen nichts als Wolken über sich. Das Wesen beginnt zu denken: "Thrii", das soll der Name der Wolken sein und das Wesen kam aus den Wolken. Ein Blick nach unten zeigt einen unendlich tiefen Berghang umspielt von tausenden goldenen Lichtern, hier und da verdichten sie sich und formen weitere Körper, ganz ähnlich denen dieses Wesens. Das Wesen beginnt seine Beine zu benutzen und stakt vorsichtig den Berghang hinab. Es kann die Lichter fühlen, welch eine Freude! Die anderen, sie sind auch im entstehen und sie sind wie das Wesen selbst, es kann die anderen fühlen! Ihre Gedanken sind eins und ihre Körper sind verschieden. Sie alle blicken zu den Wolken und sie alle denken "Thrii". Die anderen Wesen erheben sich, tapsen unbeholfen aufeinander zu; als sie sich treffen, durchfährt sie wohlige Freude; jeder spürt die Freude des anderen, wodurch das Gefühl der Freude noch verstärkt wird.

Gemeinsam betrachten sie die Welt am Fuße des Berges. Der Sturm legt sich, die Fluten beruhigen sich, Vulkane schlafen ein, der zerstörerische Wandel verebbt langsam. Auch der goldene Lichtertanz zieht sich vom Berg zurück und schafft in weiter Entfernung einen undurchdringlichen Wall zum Schutz der Wesen vor der Macht der Wandlung, auch er wird einmal vergehen, aber dann wird die Macht der Wandlung schon lange niedergegangen sein. Gemeinsam beobachten die Wesen die Welt. Eine Erkenntnis reift in ihnen: "Wir sind die überdauern werden. Wir sind die aus den Wolken kommen. Wir sind viele und doch eins."

Eines der Wesen beginnt zu singen. Eine uralte Erinnerung scheint sich Bahn zu brechen und ein Lied kommt hervor. Wie selbstverständlich fallen die anderen Wesen in den Gesang mit ein, während sie beobachten, wie die Welt sich heilt. Weiße Körper mir seidigen weißen Haarkämmen und golden leuchtenden Augen wiegen sich in Harmonie und lauschen der Melodie, die aus ihnen herausbricht.

Viele Male wandert der leuchtende Feuerball der Sonne über den Himmel, teilt sich seine Herrschaft über den Himmel mit drei Monden und unzähligen leuchtenden Punkten in tiefer Nacht. Stets begleitet vom Gesang der Wesen die aus den Wolken kamen. Im Laufe der Zeit wird ihr Gesang immer komplexer und vielfältiger. Worte werden erfunden und die Dinge, die gesehen werden, erhalten Namen. Regengüsse und Schneestürme umspielen die Gruppe der Sänger, die weiterhin ungerührt die Welt beobachten. Pflanzen erobern die zernarbte Haut der Erde zurück und bedecken sie mit einem gnädigen grünen Teppich, Tiere finden zurück und vermehren sich.

Jahre ziehen unter dem Gesang der Wesen aus den Wolken vorbei, bis allmählich ihr Gesang verstummt. Einem gemeinsamen Willen folgend, erheben sie sich und machen sich auf den Weg talwärts. Ihre Haut ist im Laufe der Zeit ein wenig dunkler geworden, doch erstrahlen die Haarkämme weiter in leuchtendem Weiß und die Augen glühen in warmem Gold, hin und wieder blitzt ein fröhliches Grün aus den Augen des einen oder anderen. Die Wesen steigen langsam die Felswand hinab und folgen einem Ziel, das in ihrem gemeinsamen Bewußtsein festgesetzt ist: "Wir wollen die Welt, die wir besungen haben, nun aus der Nähe betrachten. Noch viele Namen müssen vergeben und viele Lieder müssen gesungen werden."
(me)
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