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Wie die Bleichen Menschen in die Welt kamen

In einer Zeit, die lang vergangen ist, bevor die Urahnen der Großen Herden das Land durchstreiften und vordem Ngangoloko und Sakarabru unzählige Male ihre Herrschaft am Himmel geteilt hatten, lebte ein rechtschaffener und guter Mann mit seinem Weib auf einer Lichtung im Wald. Hinter seiner Hütte erstreckten sich sanft geschwungene baumbewachsene Hügel und vor ihnen erstreckten sich in Richtung Ngangolokos Erscheinen weite Ebenen. Und jeden Morgen dankte der Mann den guten Geistern, die ihm diesen schönen Ort zum Siedeln gezeigt hatten.
Die Frau des Mannes war wunderschön und er liebte sie sehr. Und schon bald war die Hütte auf der Lichtung erfüllt mit fröhlichem Kindergeschrei. Und so wuchs die Familie des Mannes und war glücklich.

Doch als immer mehr Menschen die Lichtung bevölkerten, brauchten sie auch immer mehr Nahrung, die sie nicht mehr ausreichend im Wald sammeln konnten, und so klagte der Mann: "Oh, ihr Götter, sagt mir, was soll ich tun? Ihr habt mir einen solch schönen Ort zum Wohnen gezeigt und nun bietet er uns nicht genug Nahrung."
Da hörte er einen Frosch quaken und als er nach dem Frosch suchte, fand er eine kleine Lichtung, die mit ihm unbekannten Gräsern bewachsen war. Die Halme waren goldgelb gefärbt und trugen Ähren voller Körner. An einer der Ähren klammerte sich ein Frosch fest und sprach: "Mensch, siehe was Dir Schwester Issia schenkt: Nimm diese Körner aus den Ähren und pflanze sie auf die Lichtung vor Deiner Hütte und die Deinen werden wohl genährt sein."
Der Mann dankte dem Frosch, der Stimme des Weisen Murari, und auch Schwester Issia für diese Gaben, sammelte die Körner in einem Beutel und ging zu seiner Hütte zurück. Dort brachte er Issia ein Opfer und bat sie um Verzeihung, denn er nahm einen glimmenden Span aus dem Herd und setzte die Wiese vor seiner Hütte in Brand. Als das Feuer erloschen war, streute er die Körner auf die verbrannte Erde und wartete. Und es sprossen Halme hervor, die wieder Ähren und Körner trugen und die Familie des Mannes nahm die Körner und zermahlte sie zu Mehl und sie nährten sich davon und waren glücklich.

Nun hatte aber die Frau des Mannes eine Schwester, die mit ihrem Gemahl tief im Wald lebte und eines Tages zu Besuch kam. Die Schwester sah voller Neid, wie gut genährt die Familie ihrer Schwester war und sie wollte ebenfalls für ihre Wohnstatt solch reichhaltige Nahrung haben. Nachdem sie und ihr Gemahl sich von der Speise ihrer Verwandten den Bauch wohl gefüllt hatten, fragten sie, ob auch sie ein paar der Körner zum Aussähen haben dürften. Der Mann gab ihnen bereitwillig davon, denn auch er gönnte ihnen ein angenehmes Leben mit reichlich Nahrung.
Die Schwester und ihr Gemahl verabschiedeten sich hastig und eilten zu ihrem Haus in den Tiefen des Waldes. Die Schwester befahl ihrem Gemahl, die Körner auszusähen. Doch ihr Gemahl war faul und hatte außerdem Angst vor dem Zorn der Schwester Issia, sollte er ihre Bäume roden. Also verstreute er die Samen zwischen den Baumstämmen und wartete vergeblich darauf, daß sie aufkeimten.
Seiner Gemahlin erzählte er, daß deren Schwester die Samenkörner wohl verflucht haben müßte, da sie hier bei ihnen keine Frucht hervorbrachten. Dies schürte natürlich den Neid und den Haß, den die Frau auf ihre Schwester empfand und sie schwor, ihrer Schwester zu schaden.

Des Nachts schlich sie sich also mit ihrem Gemahl zur Hütte ihrer Schwester und die beiden erlegten zwei Ratten und zogen ihnen das Fell ab. Dann legten sie ihre Menschenhaut ab und schlüpften in das Fell der Ratten. In der Gestalt der Ratten gingen sie dann ins Kornfeld auf der Lichtung und fraßen sich den Bauch voll. Dann gingen sie zu ihren Menschenhäuten zurück, zogen sie wieder an, gingen satt und zufrieden nach Hause und nahmen die Felle der Ratten mit sich.

Am nächsten Morgen sah der Mann, daß ein großer Teil seines Feldes angefressen war und er klagte: "Oh, seht her, seht her! Nager haben in der Nacht mein Feld verwüstet! Was soll ich bloß machen?"
Da kam eine Farai des Wegs, und der Mann fragte die Farai: Oh, du verehrte geschickte Jägerin, siehe her, was die Nager des Nachts in meinem Feld angerichtet haben. Du bist doch eine Jägerin von Nagern. Magst Du nicht mein Feld bewachen und die Nager verteiben? Zum Lohn soll es Dir bei uns auch stets gut ergehen."
Die Farai willigte ein und legte sich des Nachts auf die Lauer.

In der zweiten Nacht kamen wieder die böse Schwester und ihr Gemahl daher, legten ihre Menschenhäute ab und schlüpften in die Bälger der Ratten. Die Farai sah all das und getraute sich nicht, die beiden verkleideten Menschen anzugreifen.
Am nächsten Morgen sah der Mann, daß weite Teile seines Feldes zerstört waren und er fuhr die Farai wütend an, warum sie nicht auf sein Feld aufgepaßt habe.
Doch die Farai sprach: "Zügele Deinen Zorn, Mensch! Es sind nicht die Ratten, die Dein Feld verwüsten, sondern Deinesgleichen." Und sie zeigte ihm die Stelle, wo die diebischen Verwandten in der letzen Nacht ihre Häute niedergelegt hatten. Dann stolzierte sie hoch erhobenen Hauptes davon und läßt sich bis zum heutigen Tage von keinem Menschen etwas befehlen.

Der Mann jedoch war verzweifelt. In seiner Not sprach er wieder zu den Göttern und bat sie um Hilfe. Plötzlich hörte er wieder einen Frosch quaken. Er vernahm wieder die Stimme des Weisen Murari: "Mensch, alles was Du brauchst, ist in Deiner Nähe. Nutze Deinen Verstand und die Gaben von Schwester Issia."
Mit diesen Worten verschwand der Frosch in einem Busch. Der Mann betrachtete eben jenen Busch genauer und sah, daß er rote Schoten trug. Als er zur Probe in eine der Schoten biß, spuckte er den Bissen schleunigst wieder aus, den die Schote schmeckte sehr scharf. Dem Mann war eine Idee gekommen. Er sammelte die Schoten des Strauches ein und trug die in sein Haus. Seine Frau zerstampfte die Schoten zu einem feinen roten Pulver, das sehr scharf schmeckte. Dieses Pulver nahm der Mann und legte sich auf die Lauer.

Bald sah er die Schwester seiner Frau mit ihrem Gemahl erscheinen. Sie entledigten sich ein drittes mal ihrer Menschenhäute und schlüpften in die Gestalt von Ratten. Während sie sich im Kornfeld satt aßen, streute der Mann das rote Pulver in die leeren Menschenhäute und wartete.
Die beiden Schmarotzer kamen satt aus dem Feld zurück und zogen ihre Rattenfelle ab. Nachdem sie wieder in ihre Menschenhäute geschlüpft waren, verspürten sie plötzlich ein starkes Brennen unter ihrer Haut und sie wanden sich schmerzerfüllt auf dem Boden und versuchten, sich ihre Häute hastig vom Leib zu reißen, wobei sie sie zerrissen. Der Mann hatte sich währenddessen die Rattenfelle geschnappt, weshalb die beiden nun keine schützende Haut mehr zur Verfügung hatten. So wälzten sie sich im hellen Sand, bis ihre Körper damit bedeckt waren und der brennende Schmerz endlich nachließ.
Voller Entsetzen sahen sie den laut lachenden Mann und ihre zerfetzten Menschenhäute. Voller Angst nahmen die beiden Reißaus und sie flohen weit fort von der Lichtung mit dem Kornfeld. Ihre behelfsmäßige Haut aus Sand war empfindlich und konnte dem Antlitz Ngangolokos nicht lange ausgesetzt werden. Also flohen sie weit in den Süden, wo Ngangolokos Strahlen nicht so kräftig das Land berühren.
Ihre Nachfahren übernahmen die Eigenschaften der beiden: Sie wurden bösartig, verschlagen, feige und faul. Bis zum heutigen Tage überfallen sie das Land der Dunklen Menschen und rauben seine Bewohner, damit diese für sie arbeiten.

Doch der Mann, der in der Hütte auf der Lichtung wohnte, kannte diese Sorgen noch nicht. Die Bleichhäute hatte er gerade vertrieben und lange Jahre sollten vergehen, bis sie wieder das Land der Heimat betraten. Also ging der Mann zurück in sein Haus und lebte dort mit seiner Familie glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende.

(me)
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