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Die Eiskönigin Iluara Larendoor

Im Laufe der Jahrhunderte fast vergessen und verdrängt ist die Geschichte von Iluara Larendoor. Unliebsam mag sie vielleicht den Herren Priestern erscheinen und so wird sie heutzutage kaum noch erzählt, doch haben sich verschiedene vereinzelte Versionen und Bruchstücke bis in unsere Zeit erhalten. Und so erzähle ich euch eine Variante, die ich vor einigen Jahren einen Geschichtenerzähler in einem Gashaus an der Straße von Mur nach Alaii erzählen hörte. Bedenket, dass diese Geschichte wohl über 3000 Jahre alt ist und aus einer Zeit stammt, als die Vorfahren der heutigen Bewohner Nebrinns noch nicht einmal an den Gestaden unserer Küsten gelandet waren, als die ersten Menschen aus den südlichen Sümpfen ins Gebiet des heutigen Lom einwanderten. Damals war das Land Nebrinn, das heute weite Steppen umfasst, noch dicht bewaldet und in den Wäldern lebten seltsame Geschöpfe, deren Namen heute höchstens noch als Figuren aus Kindermärchen und Schauergeschichten bekannt sind: Geelas, Steinbolde, Saep und Gaui, um nur einige zu nennen. So lebten die Menschen in den sumpfigen Marschen des heutigen Lom, die sich damals noch in Gegenden erstreckten, die heute vom Meer bedeckt sind und denen sie den Namen Olgul gaben, während die anderen Völker die Wälder bewohnten, und sie lebten einhellig beieinander und jeder war’s zufrieden.

Doch schon damals lauerte im Süden, jenseits des Eisgebirges, das grausame Volk der Zhubair, wahnsinnigen Geistes voller Durst nach Kampf und Blut. Damals führten die Zhubair furchterregende Feuerwesen ins Feld, niedere Dämonen wie die Tinojaia bis hin zu den #NAME# gewaltigen geflügelten Katzen-Echsen-Wesen, die mit glühendem Feuerodem alles vernichteten, was sich ihnen in den Weg stellte. Vor allem unter den Bewohnern der Waldes wüteten die Zhubair in ihrem Wahn, metzelten, mordeten und brandschatzten. Und seit jener Zeit wächst in dieser Gegend nur noch das Steppengras und kein Wald mehr. Jedoch beendete eine besonders heftige Regenzeit, in der es monatelang in mächtigem Schwalle vom Himmel goss, das Vordringen dieser Feuerwesen, die nach diesem regnerischen Jahr für lange Zeit nicht mehr in Erscheinung taten.
Viele Jahre wogte der Kampf hin und her, mal schien es, als könnten die Zhubair zurückgedrängt werden, dann wieder erdrückten schier unerschöpfliche Wellen ihrer vor Wahnsinn heulenden haarigen Leiber in Massen jeglichen Widerstand. Teilweise herrschte eine Art Frieden oder besser Waffenstillstand, den beide Seiten nutzten, ihre Wunden zu lecken und neue Angriffe zu planen.

Zum Zeitpunkt dieser Geschichte währte der Kampf gegen die Zhubair bereits 200 Jahre und viele Tausend Opfer hatte ihr blinder Blutdurst gefordert, als sich die 7 weisesten Magier der Menschen und Waldbewohner zusammenfanden: Die urwüchsigen Waldwesen waren Telron Feuerwurf der Geela, Ilija die Saep und Derenthal der Gaui. Von den vier Menschen stand je einer für einen der magischen Ströme: Bron-Diil für die Erde, Elduron Te-Kaal für das Feuer, Arais Gool für die Luft und schließlich Ilura Larendoor, die mächtigste von allen, für das Wasser.

Spione meldeten, dass sich nach einer verhältnismäßig friedlichen Zeit wieder die gefürchteten Feuerwesen unter den Zhubair aufhielten. Die Menschen und Waldvölker waren des Krieges müde, erschöpft und ohne Hoffnung angesichts eines Gegners, der wieder erstarkt war und der über unerschöpflich scheinende Reserven verfügte. Irgendetwas musste geschehen oder man wäre verloren.
Fünf Tage und fünf Nächte beratschlagten die sieben Zauberkundigen und beschlossen, eine furchtbare mächtige Waffe zu erschaffen. Sie schlossen sie sich in einen Turm ein, meditierten sieben mal sieben Tage im siebenten Stockwerk des Turmes, um ihre magischen Kräfte zu einer einzigen zu vereinen. Ein jeder gab die Geheimnisse und die Kraft seines Stromes der Magie in die mächtige Waffe, zusammengehalten und gebündelt von der Kraft des Geistes der Geelas, Saep und Gaui.
Doch schienen sich die Kräfte der Zaubernden nicht in völliger Harmonie zu befinden. Eine Kraft war stärker und verdrängte alle anderen, saugte den Magiern sämtliches Leben bis auf den letzten Funken aus dem Leib. Einzig und allein Iluara konnte dieser wilden zerstörerischen Gewalt widerstehen, doch nicht ohne Folgen, denn von nun an war sie an die Waffe gebunden, körperlich wie geistig, so heißt es. Was genau diese Waffe eigentlich war, wie sie aussah, darüber herrscht keine Klarheit. Sie war jedenfalls kein Gegenstand von besonderer Auffälligkeit oder Pracht. Ein bescheidenes Schmuckstück, ein Ring, eine Kette, ein Stirnreif vielleicht. Niemand weiß es.

Ilura trat als einzige Überlebende aus dem Turm heraus, strahlend und von schrecklicher Schönheit. Ihr Antlitz leuchtete, ihre Haut war weiß, fast durchscheinend, ihre Gesichtszüge starr und kühl, frei von jeder Gefühlsregung.
Sie setzte sich an die Spitze der versammelten Krieger und marschierte gegen die Zhubair. Sie trieb alle, ob Feuerwesen, ob Zhubair-Häuptling oder einfacher Krieger, erbarmungslos vor sich her, bis in die Berge, wo die Zhubair alle ihre verbliebenen Feuerwesen und ihre mächtigsten und verdorbensten Krieger, wild und wahnsinnig vor Blutdurst, versammelt hatten.
Auf ihrem Weg war Iluras Macht mehr und mehr angewachsen, getrieben von Zorn und Hass, denn jeder gefallene Kämpfer mehrte ihre Kraft und von jedem toten Gegner nahm sie nicht nur das Leben in sich auf.
Sie war schon früher nicht sonderlich gesellig oder gar höflich gewesen, doch nun wurde sie immer kälter und grausamer, kein Mitleid hatte mehr Platz in ihrem Herzen. Sie ergötzte sich am Tod und ersann immer bizarrere und brutalere Arten, die gegnerischen Kämpfer zu Tode zu bringen. Bei jenem letzten Gefecht in den Bergen stand sie allein auf einer Anhöhe, ihr Heer eine halbe Meile hinter sich, Nebel wallte um sie herum und glitt hinab ins Tal.
Den Männern fröstelte, die Kälte des Nebels spürten sie auch trotz der Entfernung, doch nicht nur die Kälte machte sie frösteln. Der Nebel glitt auf die Armee der Zhubair zu, umschloss die Feuerwesen, die alsbald markerschütternde Schreie, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen, ausstießen. Klauen griffen aus dem Nebel nach den Feuerwesen, und hinterließen klaffende dampfende und zischende Wunden. Die Feuerwesen schrieen und stöhnten, jammerten und heulten, dass sich die Kämpfe beider Heere die Ohren zuhalten mussten – zu stark war der Schmerz, den diese Schreie vermittelten. Bald versanken die ersten Feuerwesen komplett in den Nebel. Blitze zuckten, Arme reckten sich im Todeskampf, wurden abgerissen, die Schreie klangen nun durch den Nebel gedämpfter, bettelten um einen schnellen Tod. Die ersten Reihen der Zhubair wichen angesichts dieses Bildes entsetzt zurück, jedoch ließ ihr grausamer Heerführer sein Heer unverdrossen auf die Menschen hinzu marschieren. So wurden die entsetzt fliehen wollenden Zhubair der vorderen Reihen von ihren eigenen Kameraden zu Tode getrampelt. Die Zhubair-Armee stürzte in einer Mischung aus Angst, Verzweiflung und Wahnsinn in den Nebel hinein. Die Schreie der wenigen sterbenden Feuerwesen waren nichts im Vergleich zu den gellenden Todesschreien aus zehntausenden gepeinigten Zhubair-Kehlen, die ein Leben lang noch in den Ohren all jener klangen, welche sie mit anhören mussten. Der Nebel breitete sich aus, glitt an den Hängen empor und griff sich immer mehr der Zhubair, zog sie in sein fürchterliches, mittlerweile blutrot gefärbtes Inneres. Verzweifelt schossen die Schamanen und Magier mit magischen Feuerbällen blind in den Nebel hinein oder direkt auf Ilura und plötzlich legte sich der Nebel, die Blitze erstarben. Erleichterter Jubel brandete unter den Zhubair auf, die noch außerhalb des Nebels standen. Ermutigt wollten sie wieder zum Angriff übergehen, da gab der Nebel den Blick auf die Gefallenen frei:
Diese bewegten sich noch... und sie erhoben sich. Einigen fehlte ein Arm oder ein Bein. Anderen waren ganze Stücke aus dem Rumpf gerissen worden. Sie sahen aus wie von Eis, sämtliche Farbe war aus ihnen gewichen, nichts lebendiges, warmes mehr an ihnen.
Der Nebel zerfiel immer mehr, als sie sich quälend langsam der Armee der Zhubair näherten.

Iluara glitt von ihrem Hügel herab. Langsam, majestätisch, fürchterlich. Blitze zuckten um sie herum, dräuende Gewitterwolken ballten sich über dem Tal zusammen.
Das Heer der Menschen hatte all diesem furchtbaren Treiben wie erstarrt zugesehen. Einem jeden Kämpfer zog sich das Herz vor Furcht zusammen und die Heerführer blickten einander schaudernd an.
Die Horde der eisigen Untoten hatte die zurückweichenden Heere der Zhubair erreicht und komplett eingekreist. Obwohl sich die Zhubair noch weit in der Überzahl befanden (man berichtet von etwa 30.000 Zhubair-Kriegern gegen etwa 4.000 Untote), lähmte ihnen der Anblick ihrer ehemaligen Kameraden, die sich nun geisterhaft zum Kampf gegen sie anschickten, mehr und mehr das Herz, so dass sie vorerst kaum nennenswerten Widerstand zu leisten imstande waren.

Iluara schritt indes durch die Reihen ihrer Armee auf das Lager des Zhubair-Anführers zu. Die feindlichen Zauberer und Bogenschützen bombardierten sie mit Feuerkugeln und Pfeilwolken, doch verpufften die Feuerbälle in ihrer Nähe und die Pfeile zersplitterten an ihrer zu einem eisigen Panzer gewordenen Haut.

Jede andere Armee hätte schon längst kopflos die Flucht ergriffen, doch nicht die Zhubair. Inzwischen hatten sie entdeckt, dass die eisigen Untoten durchaus zu besiegen und abermals zu töten waren, und so zog sich das Gemetzel noch eine ganze Weile hin und die Zhubair schöpften neuen Mut. Doch überall, wo Iluara einherging, wurden die Zhubair zu Dutzenden von Blitzen niedergestreckt und von eisigen Pfeilen durchbohrt.
Als sie hundert Schritt vom feindlichen Heerführer entfernt war, hob sie die Arme und ein Sturm kam auf. Sofort legte sich Kälte über das Land. Schnee und Hagel begannen zu fallen, Blitze zuckten von Iluara zu den Wolken hinauf und aus den Wolken in die Zhubair hinein. Das Schneetreiben wurde immer dichter, so dass die menschlichen Heere nur noch ein von Wolken, Hagel und Schnee brodelndes Tal vor sich sahen, aus dem verzweifelter Kampfeslärm klang.
Als die Wolken sich nach einigen Stunden verzogen hatten, sah man zwei erstarrte Armeen auf dem Schlachtfeld – einige Schutz suchend, andere mitten im Kampf erstarrt. Auch Iluara stand dort, mit hoch erhobenen Armen, gleichfalls zu Eis erstarrt. Der Heerführer der Menschen schritt durch die Reihen der eisigen Skulpturen, schwer waren seine Schritte im tiefen Schnee, sein Atem bildete eisige Wolken. Schließlich stand er vor Iluara, zog sein Schwert – und zerschmetterte sie. Mit einem tosenden Klirren zerstob ihr Körper in tausende Splitter und die mächtige Waffe fiel in den Schnee. Der Heerführer nahm seinen Umhang ab, bettete die Waffe darin und kehrte zu seinen Männern zurück.

Das Heer kehrte in seine Heimat zurück, einige ließen gleich vor Ort ihre Waffen fallen. Der Krieg war endlich vorbei!
Jener Heerführer wurde später König des Landes Olgul. Was er mit der mächtigen Waffe gemacht hat, ist unbekannt. Man sah sie später nie mehr. Offenbar hatte diese Waffe keine Wirkung auf ihn wie auf Iluara. Wahrscheinlich nahm er die Waffe mit in sein Grab.

Ihr könnt euch sicherlich denken, dass die Herren Inquisitoren etwas dagegen haben, diese Geschichte erzählt zu wissen. Bedenket nur, was Schlimmes geschehen könnte, würde jemand diese Waffe wiederfinden oder gar auf die Idee kommen, eine ähnliche Waffe zu erschaffen!
(aul)
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