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Wie Murari den Menschen das Reiten schenkte

Vor langer, langer Zeit, als die Menschen sich erst jüngst aus Vater Yombos Erde erhoben hatten, war ihr Leben hart und mühsam. Schwach waren die Menschen und viele Wesen der Erde, der Luft und des Wassers ihnen feindlich gesonnen. Niemand half ihnen bei ihrem Tagwerk und so mußten sie jegliche Last selbst tragen und jeden Weg zu Fuß zurücklegen.
Murari den listigen Freund und Gönner der Menschen - von den anderen Göttern deswegen zur Strafe auf ewig in die Gestalt eines Frosches verdammt - dauerte dieser Zustand und er sann nach einer Möglichkeit, das Dasein der Menschen zu erleichtern.
Da begegnete er Gevatter Mkoko (eine Kodlu-Art) im Walde und sprach zu ihm "Sag, ehrwürdiger Gevatter, ist es wahr, was die Menschen erzählen? Daß du sie auf deinem Rücken Platz nehmen läßt und daß du für sie Lasten auf deinem Rücken trägst?"
Der stolze Gevatter Mkoko war erbost: "Lüge kommt aus den Mündern der Menschen, wenn sie solches behaupten! Gevatter Mkoko wird niemals jemanden auf seinem Rücken tragen und Lasten trägt er erst recht nicht, für niemanden! Weiser Murari, du sprichst die Zunge der Menschen. Los, komm sofort mit mir und verkünde den Menschen, Gevatter Mkoko wird niemals ihr Diener sein!"
"Warte!" rief Murari dem davoneilenden Mkoko hinterher. "Nicht so schnell, Gevatter. Du siehst doch, daß ich klein bin und nicht so schnell laufen kann wie du. Nimm mich doch auf deinen Rücken, dann sind wir schneller bei den Menschen."
Gevatter Mkoko war ungeduldig und konnte es gar nicht mehr erwarten, zu den Menschen zu gelangen um sie der Lüge zu zeihen, und so ließ er Murari auf seinen Rücken hüpfen.
Als Gevatter Mkoko davonstob, rief Murari abermals "Warte! Gevatter, dein Lauf ist so schnell und ungestüm, daß ich mich kaum auf deinem Rücken zu halten vermag. So laß mich doch ein Zaumzeug fertigen, an dem ich mich festhalten kann, auf daß ich nicht herunterfalle."
Und Murari flocht aus Pflanzenfasern ein Zaumzeug, legte es dem Gevatter Mkoko um und stieg wieder auf dessen Rücken. So gelangten die beiden zu den Menschen. Und Gevatter Mkoko sprach zu Murari: "Los, sage ihnen, daß Gevatter Mkoko niemals jemanden auf seinen Rücken nehmen und niemals Lasten tragen wird!"
Als Murari dies den Menschen mitteilte, begannen sie zu lachen und sie riefen: "Aber sieh nur, auf deinem Rücken trägst du doch jemanden, und er hat dir gar ein Zaumzeug angelegt!"
Da erst merkte Gevatter Mkoko, welcher List des weisen Murari er aufgesessen war und alsbald begann er zu hüpfen und zu bocken, zu springen und sich zu wälzen, um Murari von seinem Rücken herabzuschütteln, doch Murari hielt sich am Zaumzeug fest und fiel nicht vom Rücken des Gevatters herunter.
Als Gevatter Mkoko erschöpft eine Verschnaufpause einlegte, spürte er plötzlich den Murari immer schwerer und schwerer werden. Eine Schwere als trüge er mit einem male die ganze Welt auf seinem Buckel.
Ächzend ging er in die Knie und keuchte "Geh herunter von mir! Besiegt hast du mich, oh großer Murari. Alles will ich fortan für dich tun, wenn du nur von mir heruntergehst!"
Also sprach Murari: "Ein Diener sollst du fortan den Menschen sein. Du sollst sie auf dir reiten lassen und ihre Lasten sollst du tragen bis in alle Ewigkeit."

Und so kommt es, daß die Mkokos heute die Lasten der Menschen tragen und auf sich reiten lassen, auch wenn einige besonders störrische Exemplare immer wieder an die Verpflichtung ihres Ahnherren erinnert werden müssen.
Bis zum heutigen Tage hat jedes Mkoko panische Angst, wenn ihm ein kleiner Frosch um die Füße springt und ist peinlich darum bemüht, dem Frosch nichts zuleide zu tun.
(me)
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